Sonntag, 25. Oktober 2015

Finale

Finale!!


Heute war Finale nicht nur der Saison 2015, sondern auch Finale des gesamten Projekts Saisongarten.

Wir haben es uns nicht leicht gemacht mit der Entscheidung, im kommenden Jahr das Feld nicht wieder zu beackern. Schon vor einem Monat war ich kurz davor, einen sehr bissigen Feld-Post zu veröffentlichen, habe es dann aber doch nicht getan. Ich wollte mir erst einmal klar darüber werden, wie es mit dem Projekt und diesem Blog weitergehen soll. Drei Wochen Urlaub und der entsprechende Abstand zum Feld haben letztlich aber nichts an der Entscheidung geändert.

2016 wird es keinen Saisongarten für das HamburgerAllerlei geben und auch den Post, den ich bereits Anfang September geschrieben habe werde ich nicht ändern.

Hier kommt er!


Die Saison 2015 hat uns keinen Spaß gemacht und das hatte allerlei Gründe.

Grund 1 

Der Sommer war entweder zu naß oder zu heiß. Kaum ein Wochenende lud dazu ein, dem Feld einen Besuch abzustatten. Entweder wurde man gegrillt oder man versank im Schlamm.

Grund 2 

Das Projekt Saisongarten ist erheblich gewachsen.

In diesem Jahr ackern sehr viel mehr Saisongärtner auf dem Feld. Das führt dazu, dass die Gartengeräte die zur Verfügung gestellt werden zahlenmäßig nicht ausreichen. 2 Schubkarren für bestimmt 200 Parzellen sind nicht genug. Auch reichen die Grabgabeln, Hacken, Gießkannen etc. nicht aus. Durch die hohe Beanspruchung sind die Gartengeräte sehr schnell kaputt und werden nicht ersetzt. Wir mussten uns daher eigene Gartengeräte anschaffen und regelmäßig mit auf das Feld nehmen. Ein erheblicher Mehraufwand.

Es gibt keine wirkliche Möglichkeit, sich nach der Feldarbeit einmal die Hände zu waschen. Macht man es doch, kommt man sich vor wie ein Schwerverbrecher.

Wurden im lezten Jahr noch 2 Wasserwagen zur Verfügung gestellt, gab es in diesem Jahr nur noch einen Wasserbehälter in dem regelmäßig Wasser vorhanden war. Dieser Behälter war dann auch noch unter einer Plane versteckt. Zusätzlich gibt es zwar Regentonnen und einen Brunnen. Dort ermahnen aber diverse Schilder - zum Thema Schilder später noch mehr - das Wasser doch besser nicht zu nutzen.  Der angeblich zu hohe Wasserverbrauch war am Anfang der Saison Gegenstand mehrer ermahnender "Saisongärtner-vebraucht-am-Besten-gar-kein-Wasser" Mails.

Grund 3

Die Parzelle liegt - ganz anders als im letzten Jahr - direkt an der "Durchgangsstraße" des Ackers und leider auch noch recht nah am Eingang. Jeder der auf den Acker geht, geht an unserer Parzelle vorbei und (leider) sind das nicht nur die anderen Saisongärtner. Der Saisongarten hat sich zu einem beliebten Ausflugsziel entwickelt. Ständig schlendern Besucher über das Feld, und nein, das ist nicht immer nett, das ist oft leider Zoo oder botanischer Garten oder irgendwas dazwischen!

Hätte ich gewollt, dass man mich während meiner Freizeitbeschäftigung ständig unverholen anstarrt und mir mehr oder weniger sinnfreie Fragen dazu stellt, was da wächst und ob man das essen kann, wäre ich Infotafel im botanischen Garten oder Schimpanse im Zoo.

Ich bin aber weder Infotafel noch Schimpanse!

Meine durchaus diskussionswürdige Einstellung zu den vielen Besuchern, ergänzt durch die strategisch ungünstige Lage der Parzelle und den Grund 4, führen leider dazu, das ich überhaupt keine Lust mehr habe, mich länger auf dem Feld aufzuhalten, geschweige denn, mich dort mal für ein Stündchen in die Sonne zu setzen oder zu fotografieren.

Jaaaaaaaaaaaaaaaaaa, da sind Zwiebeln!!!!!
Grund 4

Verstärkt wird dieses Unbehagen durch die Art und Weise wie die Verpächter mit dem Problem des "Gemüseraubs" und der ungebetenen Besucher umgehen.

Was machte man in Deutschland schon immer wenn man ein Problem hat? Man stellt ein Schild auf.

Und was macht man in Deutschland 2.0 wenn man ein Problem hat? Man stellt eine Videokamera auf. Und was macht das zusammen? Ein Schild auf dem steht, dass das Feld mit Videokameras überwacht wird und sich Besucher anmelden müssen. Das Schild steht jetzt schön auf dem Feld und verbreitet eine total gute Atmosphäre. Habe ich zunächst noch gedacht, dass das Schild nur der Versuch sei, Diebe abzuhalten und es gäbe dort nicht wirklich Kameras, habe ich nun erfahren, dass das Feld tatsächlich überwacht wird.




Ich bin sprachlos.

Auch wenn ich von den ungebetenen Gästen nicht begeistert bin, möchte ich nicht für ein Projekt stehen, dass sich mit datenschutzrechtlich fraglichen Mitteln schützt. Fanden wir nicht alle Herrn Snowden ganz toll, der aufgedeckt hat, wer uns so alles überwacht? Dieses Schild und der Umstand, dass ohne Einverständnis aller Saisongärtner eine Videoüberwachung installiert wird, ärgert mich noch viel mehr als die ungebetenen Besucher, angestarrt zu werden, die oft dusseligen Fragen der Gäste und die schlechte Ausstattung. In einem solchen Umfeld möchte ich meine Freizeit nicht mehr verbringen.

An alle überwachungswütigen Mit-Gärtner noch dieser Hinweis.

Wenn ich auf einem Acker in relativer Nähe zu einer Großstadt und in einem Ausflugsgebiet ein Feld bestelle, dann muss ich damit rechnen, dass ich da nicht allein bin, dass das Projekt andere neugierig macht und gelegentlich mal ´ne Zucchini geklaut wird. Letzteres ist ärgerlich, aber ehrlich gesagt zu verkraften. Ich hätte noch 7 Monsterzucchini abzugeben! 

Grund 5

Ich habe - nicht nur wegen der Big-Brother-Zustände - mittlerweile erhebliche Zweifel an der Sinnhaftigkeit dieses Projekts.

Macht es Sinn, mehrmals die Woche etwa 10 km mit dem Auto, dem Fahrrad oder den Öffis zum Acker und zurück zu fahren, um dort Massen an Gemüse zu ernten, die man weder essen noch fachgerecht lagern kann? Ich bin kein Experte für Öko-Bilanzen, aber mein gesunder Menschenverstand meldet da erhebliche Zweifel an.

Das Feld ist derart ertragreich, dass man - könnte man das Gemüse richtig lagern - mit dem Ertrag locker über den Winter käme. Das Lagern ist aber das Problem. Meine Wohnung ist nicht klein, aber eben eine ganz normale Wohnung in der Stadt, ohne Speisekammer und ohne kühlen Keller. Das wiederum bedeutet, dass ich ständig das Gemüse essen muss das "weg" muss und nicht das Gemüse das ich gern essen möchte. Die Tage von Samstag bis Freitag sind ein Kampf gegen verfaulende Gurken, Zucchini, Berge von Mangold, Fenchel, Salat und rote Beete. Ach die Kartoffeln habe ich vergessen. Dank des nassen Wetters mussten wir die Erdäpfel viel zu früh aus dem Boden holen, sonst wäre die geamte Ernte verfault. Die Kartoffeln haben daher eine sehr dünne Schale und lassen sich nicht wirklich lagern.

Mein Fazit nach dem 2. Jahr.

Eigenes Gemüse anbauen macht großen Spaß. Das Projekt macht für mich so wie es ist aber keinen Sinn. Das Feld ist kein Urban-Gardening Projekt. Das Feld ist ein Acker und eben kein Garten in meinem Stadtteil, in dem gemeinsam geackert wird. Urban-Gardening macht Sinn wenn es urban ist, sonst nicht. Ein Garten, der sollte dort sein wo man wohnt, nicht viele Kilometer entfernt. Ist der Garten dort wo man ist und isst kann man regelmäßig und ohne sinnlos lange Anfahrt die Mengen ernten die man verbrauchen kann. Alternativ fände ich es schön, mit mehreren Leuten gemeinsam einen großen Garten auf dem Land zu bewirtschaften und sich Arbeit, Anfahrt, Ertrag und Spaß zu teilen. Derzeit müssen wir im Saisongarten einmal die Woche alles ernten, was sonst auf dem Feld bis zum nächsten Wochenende vergammelt, um dann zu essen was das Zeug hält, damit das Gemüse nicht in der Küche verrottet. Gelingt oft, aber viel zu selten. Das macht keinen Sinn.

Das HamburgerAllerlei wird daher in 2016 wohl keinen 3. Feld-Versuch mehr durchführen, es sei denn, es bietet sich eine Alternative zum Saisongarten.

Und so ist es denn nun auch. Es wird keinen 3. Feld-Versuch geben.

Wir haben heute das Feld abgeerntet und tschüß gesagt.





Emma hat sich bei den Mäusen für die vielen lustigen Jagdausflüge bedankt



und wir haben auf dem verlassenen Apfelbaum-Feld einen großen Sack Äpfel gesammelt.



Und das war es dann für die Saison 2015 und für das Feld im Versuch.

Diesen Blog aber werde ich weiter beackern und wer weiß, vielleicht wächst in 2016 der Mangold ganz woanders.



Seid gespannt auf das was kommt!




Kommentare:

  1. Schade, aber nachvollziehbar. Dann bin ich mal auf nächstes Jahr gespannt...

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  2. Ja Wahnsinn - 200 Parzellen... In unserem Krautgarten waren es letztes Jahr knapp über 60 Parzellen, die m.E. organisatorisch schon fast nicht mehr unter einen Hut zu bekommen waren. Jeder will gärtnern aber nur eine Handvoll fühlt sich für die Infrastruktur zuständig. Das scheint im Norden wie im Süden gleich zu sein.
    Neugierige Spaziergänger hatten wir auch des Öfteren, die sich weder um Zaun noch um "Privatgrundstück-Schilder" gekümmert haben. Das kann ziemlich nerven. Aber eine Videoüberwachung ohne Einverständnis der Gärtner ist natürlich der Hammer!

    Ich hoffe, Ihr findet eine stadtnähere Möglichkeit zum Gemüseanbau oder legt Euch vielleicht einen Terrassen- bzw. Balkongarten zu. So ganz frischer Salat ist geschmacklich nicht zu schlagen und wächst auch auf kleinem Raum prima :-)
    Herzliche Grüße, Angela

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