Freitag, 23. Mai 2014

Allerlei aus Altona

Manchmal sind wir nicht auf dem Feld. Der Hund mag nicht den ganzen Tag den Kaninchen und Rehen nur zuschauen, sondern will auch spazieren gehen, spielen und schnüffeln. Da müssen wir natürlich hinterher!

Und manchmal möchte ich nicht nur in Parks und Grünanlagen spazieren gehen, sondern habe Lust, durch die Straßen zu bummeln. Genau wie der Hund.


Hunde haben ja auf geheimnisvolle Weise oft ähnliche Wünsche und Interessen wie ihre Halter. Der Dackel meiner Mutter hat sogar ihre Lieblingssendungen im Fernsehen mit ihr geteilt und ich bin mir sicher, Hund Emma hört gern Jazz ..... .

Hund Emma wollte am letzten Freitag, einen Spaziergang von Altona bis ins Schanzenviertel machen und da haben wir sie gern begleitet. Schön war er, der Spaziergang: Kommt mit, ich stell Ihn Euch vor.

Ihr werdet einen alten Bekannten wiedertreffen und es wird ein wenig verständlich werden, warum Hamburg, wie kürzlich in einem Artikel im Hamburger Abendblatt bemängelt wurde, pro Quadratmeter Straßengrün nur € 0,72 ausgibt, anstatt wie viele andere (allerdings deutlich kleinere) Städte um die € 2,00. Zum Schluss werdet Ihr Bekanntschaft mit einer kleinen "Damenboutique" in der Schanze machen.

Wir beginnen den Spaziergang am Altonaer Bahnhof und gehen von dort aus Richtung Große Bergstrasse. Die große Bergstraße verändert sich rasant. Wo vor ein paar Jahren nur 1 Euro Shops, Billig-Bäcker und Telefonläden anzutreffen waren, wir gebaut, gebaut, gebaut.  Hund Emma findet es trotzdem super, an zwei Tagen in der Woche ist hier Markt und das heißt, Hund Emma hat total viele interessante Gerüche in der Nase.


Für uns Menschen ist es dort zur Zeit noch relativ uninteressant. Denn während dort in meiner Kindheit einige Springbrunnen sprudelten und das Bild von einem florierenden Geschäftsleben beherrscht wurde, ist das Einkaufszentrum in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend verkommen. Einige Geschäfte stehen leer.



Viele Einzelhändler sind in die Nähe des Mercado umgezogenen und mit ihnen das kaufkräftigere Publikum. Obgleich die Pläne zum Bau des Mercado ursprünglich vehemente Gegner fanden, die (unter anderem) eine Yuppisierung des Stadtteils und eine Zunahme des Autoverkehrs prophezeiten, kaufen sie - da bin ich mir ganz sicher - dort heute in schönster Eintracht mit den Befürwortern ein. Insbesondere nachdem das sogenannte Frappant zugemacht hatte, zogen auch Geschäfte wie Karstadt und Safeway, die dem Stadtteil lange die Treue gehalten hatte, schließlich fort. Zurück blieb Tristesse in bester Lage, die nur von zwei Traditionsgeschäften noch "beatmet" wurde: Das eine ist das schöne Feinkostgeschäft Claus Kroeger, das wirklich immer schon dort und immer noch schön ist:




Und gleich daneben der Gemüsehandel Aktiv City Markt, der gleichermaßen durch seine Vielfalt und die schöne mediterrane Präsentation seiner Produkte überzeugt:




Außer diesen beiden Läden gab es lange Zeit nur noch Apotheken (ja, der Stadtteil ist etwas überaltert) und Handy-Geschäfte.

Dabei war das Frappant eines der hoffnungsvollsten und meist bestauntesten Gebäude der 70iger Jahre! Ein riesiges Gebäude, das von Innen nach Art eines Kreuzfahrtdampfers mit Messinggeländern  und einem großen Forum gestaltet und (offen gesagt: idiotischerweise - aber ich fand´s toll!) sogar vollständig mit einem in den Farben der Zeit geblümten Teppichboden (!) angelegt war. Zu den Seiten öffneten sich kleine Ladengeschäfte und im Keller befand sich eine große elegante Bar.  Da sich natürlich vor dem Betreten eines Einkaufszentrum kein Mensch die Schuhe auszieht, das Hamburger Wetter das Hamburger Wetter ist und  - seien wir ehrlich - Altona verdammt nah an seiner verruchten kleinen Schwester St. Pauli liegt,  muss ich wohl nicht näher beschreiben, wie die Innenraumgestaltung nach acht Wochen aussah. Ganz zu schweigen davon, wie es nach zehn Jahren aussah. Und nach zwanzig. Und nach dreißig. Der Teppichboden ging zuerst, es folgten die Geschäfte. Eine Bar, in der auch "Tanztees" veranstaltet wurden,  hielt sich (na klar!) relativ lange. Aber irgendwann brach auch das milieugeprägte Geschäft ein. Und dann kam lange nichts. Das Gebäude konnte nicht abgerissen werden weil es asbestverseucht war und der Abriss ungefähr so teuer geworden wäre, wie der Neubau, wenn nicht teurer. Die Stadt konnte dies schlicht nicht bezahlen.

Doch irgendwann ging ein Gerücht durch Altona: Ein großes nordisches Möbelhaus, das bis dahin nur dicht an Autobahnen baute und dessen Geschäft darauf basierte, dass Käufer die Ware selbst mitnahmen und zusammenbauten, plane ein völlig neues Konzept: Eine Filiale mitten in einer Innenstadt unter Ausbau eines Systems, bei dem nicht alle Waren sofort mitgenommen, sondern auch geliefert werden. Und, so hieß es: Dieses Möbelhaus ziehe das Altonaer Einkaufszentrum (so nannte man die große Bergstrasse früher) als Standort in Betracht!! Dort wo die olle Bausünde aus den Siebzigern stand sollte ein völlig neues Konzept entstehen!!

Die Kritiker schossen hervor wie Spargel bei feuchter Wärme: Der Autoverkehr! Die Yuppisierung des Stadtteils! Und dann hatten sich in der Bauruine ja auch Künstler angesiedelt, die man doch unmöglich "vertreiben" könne. Sicher, bezahlbarer Raum für Künstler in der Stadt ist schwer zu finden, und besser die Ruine durch Künstler nutzen, als leer stehen lassen. Keine Frage. Nur liegt in in diesem Provisorium nicht auch der Reiz dieser Ruinen, die eben gerade nicht für die Ewigkeit als Atelier, Probenraum etc. dienen und gerade deshalb besonders sind? Aber wie progressiv man auch immer ist, geht es an den Besitzstand, dann verliert man durchaus mal den Blick für die anderen und den Stadtteil und seine Entwicklung. Was soll man sagen, fast, ja fast, wäre es den Meckerern gelungen, die Pläne zu torpedieren. Alles wurde wieder ungewiss: Würde das Unternehmen sich unter dem Druck der  "Bevölkerung" zurückziehen? Würde die Große Bergstraße endgültig vor die Hunde gehen (Verzeihung Emma)?

Doch dann geschah etwas Sonderbares: Noch während die Kritiker kritisierten, ging eine Hoffnung durch den Stadtteil. Kleine Läden trauten sich wieder in dieses Brachgelände.

Ein Bio-Supermarkt eröffnete seine Pforten.





Und irgendwie war plötzlich wohl vielen klar, dass dieses Projekt unter dem Aspekt des Machbaren das Beste ist, was diesem Stadtteil passieren konnte. Klar, es wäre schön, wenn die Große Bergstraße nur mit tollen individuellen Einzelhändlern hätte wiederbelebt werden können. Ganz ehrlich, ich glaube das wäre ein Traum geblieben. Ein schöner Traum, aber eben nur ein Traum. Ja, es gab dann noch Baulärm (das Frappant mußte ja weg) und es wird Autoverkehr geben! Aber schon heute sage ich - und zwar auch stellvertretend für alle Ömchen, die in Deinem Restaurant Kötteböller essen, und all die Kinder die in Deinem Smålland spielen werden und alle, die es genau wie ich, ökologisch nicht völlig in Ordnung finden, 20 Kilometer nach Schnelsen zu fahren, nur um eine Packung Fenomen zu kaufen:

WILLKOMMEN IKEA! Beweise, dass Du auch in der Stadt funktionierst, den Stadtteil, seine Anwohner und deren Bedürfnisse respektierst. Mach was draus.




Ich freue mich auf jeden Fall jetzt schon auf die Eröffnung am 30.06.14 und wenn du noch ein Klöffland (für die Hundebetreuung) einrichten könntest, wäre ich Dauergast...aber so komme ich auch in jedem Fall vorbei!

Aber weiter auf unserem Spaziergang: Wir gehen bis fast ans Ende des "Einkaufszentrums" und biegen links in die Schumacherstrasse ein. Dieser folgen wir, bis sie die Billrothstrasse kreuzt und dann biegen wir rechts in die Billrothstrasse ein. In dieser Strasse bin ich aufgewachsen und damals waren aus meiner Kindersicht die Bäume noch recht klein, dafür die Autos aber schon recht groß. Die "Hochhäuser" zur linken fand ich als Kind total hässlich, heute finde ich sie eigentlich recht hübsch mit ihren großen Balkonen und der der großen Wiese vor dem Haus. Wenn man die Billrothstrasse bis ans Ende geht, kommt man nach St. Pauli. Hier ein letzter Blick zurück in die Billrothstrasse:




Und dann nach vorn, Richtung St. Pauli:




Okay, zwar haben wir die "gefühlte" Grenze nach St. Pauli, die Holstenstrasse, noch nicht passiert, gleichwohl gehört diese Grünfläche schon mit zum Kiez.




Die weniger attraktive Holstenstrasse kann man praktischerweise mittels einer Brücke überqueren, die auch noch mit  einer Orientierungshilfe versehen ist:






Wir halten uns Richtung Schanzenviertel und Wohlers Park, werfen aber schon noch einen Blick die Holstenstrasse herunter, die von hier oben aus nicht lärmend, sondern bunt und interessant ist:



Und dann sind wir im Wohlers Park und können weiter Richtung Schanze spazieren. Und für alle, die sich fragen, warum Hamburg für Straßengrün und Grünflächen nur € 0,72/qm im Jahr ausgibt, deutet sich nun sicher eine Antwort an: Wir haben sehr, sehr viel davon:




In Hamburg ist es tatsächlich fast immer möglich, von Stadtteil zu Stadtteil durch Grünanlagen zu spazieren. An fast jeder Strasse stehen Bäume, viele sind durch einen Grünstreifen geteilt. Und wirklich, würde die Stadt für die Pflege all der Parks, Grünstreifen und Bäume mehr als € 0,72 ausgeben, bliebe für weitere Projekte kaum Geld über.

Hier noch zwei Hundekollegen, die wir auf dem Weg getroffen haben. Oder ein Hund und eine Flunder...?




Wir nähern uns auf unserem Spaziergang nun tatsächlich langsam dem Schanzenviertel.




Hier verlassen wir für eine kurz Zeit den städtischen Grünstreifen, um etwas bummeln oder eine Kleinigkeit essen zu können.




Und gerade hier, Beim Grünen Jäger (so heißt die Strasse),  bin ich auf die kleine Damenboutique von Monica Andria gestoßen, die ich vorher noch nicht kannte und die ich wohl auch gar nicht betreten hätte, wenn das Schaufenster nicht so hübsch dekoriert gewesen wäre.





Bei Monica Andria findet man Vintage-Design und Accessoires. Sie näht Modelle selbst, verkauft jedoch auch Vintage-Modelle.




Und so bin ich völlig unerwartet zu zwei Kostümen aus den fünfziger Jahren gekommen, von denen ich nie erwartet hätte, dass sie mir so gut gefallen. Ich konnte sie nicht hängen lassen! Damit sie die nächsten fünfzig Jahre etwas mehr Licht sehen als bisher, muss ich sie jetzt nur noch anziehen! Und ja, ich werde mich bemühen gut für sie zu sogen!

Nach diesem Erfolg sind wir dann die Schanzenstrasse hinaufspaziert und haben uns in der Bullerei von Tim Mälzer kurz gestärkt.



Danach hätten wir durch den Schanzenpark und Planten und Bloßen noch bis in die Hamburger Innenstadt weiter spazieren können. Weil wir aber recht spät zuhause losgegangen sind, war es dann doch spät geworden und deshalb sind wir am S-Bahnhof Schanzenstrasse in die S-Bahn gestiegen und zwei Stationen nach Altona zurückgefahren.




Nach einer langen, anstrengenden Woche und diesem ausgedehnten Spaziergang waren wir alle müde und erschöpft.


Euch ein schönes Wochenende

Doris


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